10: St Côme-d’Olt nach Estaing

Guten Tag, Herr Präsident

 

DIDIER HEUMANN, ANDREAS PAPASAVVAS

Wir haben die Route in mehrere Abschnitte unterteilt, um die Übersichtlichkeit zu erleichtern. Für jeden Streckenabschnitt zeigen die Karten die Route, die Steigungen entlang des Weges und den Zustand des GR65. Die Routen wurden auf der Plattform „Wikiloc“ erstellt. Heutzutage ist es nicht mehr notwendig, detaillierte Karten in der Tasche oder im Rucksack mitzuführen. Mit einem Mobiltelefon oder Tablet können Sie die Route ganz einfach live verfolgen.

Für diese Strecke finden Sie hier den Link:

https://fr.wikiloc.com/itineraires-randonnee/de-st-come-dolt-a-estaing-par-le-gr65-51268933

Nicht alle Pilger sind unbedingt mit der Nutzung von GPS oder der Navigation über das Smartphone vertraut, zumal es noch viele Gegenden ohne Internetverbindung gibt. Deshalb ist zur Erleichterung Ihrer Reise ein Buch über die Via Gebennensis durch die Haute-Loire auf Amazon erhältlich. Dieses Werk ist weit mehr als nur ein praktischer Reiseführer: Es begleitet Sie Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, und bietet Ihnen alle nötigen Informationen für eine entspannte Planung ohne böse Überraschungen. Doch über die nützlichen Ratschläge hinaus entführt es Sie auch in die zauberhafte Atmosphäre des Weges – es fängt die Schönheit der Landschaften ein, die Erhabenheit der Bäume und das Wesen dieses spirituellen Abenteuers. Nur die Bilder fehlen – alles andere ist da, um Sie mitzunehmen auf diese Reise.

Als Ergänzung dazu haben wir ein zweites Buch veröffentlicht, das mit etwas weniger Details, aber mit allen wichtigen Informationen zwei mögliche Routen beschreibt, um von Genf nach Le Puy-en-Velay zu gelangen. Sie können dabei zwischen der Via Gebennensis, die durch die Haute-Loire führt, oder der Variante über Gillonnay (Via Adresca) wählen, die sich bei La Côte-Saint-André von der Via Gebennensis trennt und durch die Ardèche verläuft. Die Wahl Ihrer Strecke liegt ganz bei Ihnen.  

Wenn Sie nur die Unterkünfte der Etappe einsehen möchten, scrollen Sie direkt zum Ende der Seite.

Sie wandern heute durch die Haute Rouergue im Norden des Departement Aveyron, dort, wo der Lot als Lebensader der Region enge Schluchten geschaffen hat, die sich stellenweise zu weiten Talbecken öffnen. Der Fluss zieht ruhig dahin, eingerahmt von Hochflächen, die je nach Gegend aus Schiefer, vulkanischem Gestein oder Kalkstein bestehen. Große Ackerflächen werden Sie heute kaum sehen. Stattdessen prägen Wälder und Weiden die Landschaft. An den nach Norden gerichteten Hängen dominieren meist Eichen-, Buchen- und alte Kastanienwälder. Wer den Lot betrachtet, hat bisweilen den Eindruck, sein Wasser ruhe vollkommen still. Der Fluss durchquert schließlich auch Estaing, ein Name, der Ihnen sicherlich eine bekannte Persönlichkeit in Erinnerung ruft. Heute wendet sich der Weg zum ersten Mal nach Norden.

Da die Strecke heute geologisch sehr unterschiedliche Landschaften durchquert, lohnt sich ein kurzer Blick auf ihre Entstehung. Bis hierher sind Sie zunächst über die vulkanischen Basaltböden des Velay gewandert und anschließend über den Granit der Margeride. Der Aubrac ist bereits wesentlich vielgestaltiger. Sein Grundgebirge besteht aus Granit, während die Oberfläche überwiegend von Basalt bedeckt ist. Im Vergleich zu den großen Vulkanen der Auvergne ist der Aubrac ein deutlich älteres Vulkangebiet. Anders als dort haben sich hier jedoch die Lavaströme weit verteilt, und die eigentlichen Vulkane sind im Laufe der Zeit durch die Erosion nahezu vollständig verschwunden. Auch Gletscher haben diese Landschaft geprägt. Sie hinterließen Moränen, Schwemmlandablagerungen und die zahlreichen gewaltigen Granitblöcke, die man überall auf den Hochflächen des Aubrac findet. In der Geologie wiederholen sich solche Prozesse häufig. Unter hohem Druck verwandelt sich Granit in sogenannte metamorphe Gesteine wie Schiefer oder Gneis. So wurde ein Teil des Granituntergrundes des Aubrac im Laufe der Erdgeschichte in diese Gesteinsarten umgewandelt. Besonders deutlich zeigt sich dies am Rand des Aubrac auf dem Abstieg von St Chély in Richtung Espalion, wo die Boraldes, kleine Wildbäche und Flüsse, tiefe Täler in Schiefer und Gneis eingeschnitten haben. Weiter flussaufwärts, im Tal des Lot zwischen Espalion und Estaing, herrschen dagegen weichere Gesteine wie Sandstein und Kalkstein vor. Sie stammen aus marinen Ablagerungen aus einer Zeit, als das Meer bis in diese Region reichte, lange nachdem sich die granitischen Gebirge gebildet hatten. Auch Granit tritt hier wieder auf, allerdings nicht in Form von Gletscherablagerungen. Vor rund 300 Millionen Jahren gelang es granitischem Magma stellenweise, die darüberliegenden Schichten aus Kalkstein und Schiefer zu durchbrechen. Dies sind die wichtigsten Gesteinsarten, denen Sie in den kommenden Tagen begegnen werden.

Schwierigkeitsgrad der Strecke: Mit (+507 Meter/-549 Meter) lässt die heutige Etappe trotz ihrer relativ kurzen Länge von 20 Kilometern auf eine durchaus anspruchsvolle Wanderung schließen. Es handelt sich um eine ausgesprochen kräftezehrende Strecke. Unüberwindbar ist sie keineswegs, doch der Weg führt den ganzen Tag über auf und ab. Eigentlich gibt es nur zwei größere Anstiege, beide verlangen jedoch einiges an Kraft. Gleich zu Beginn wartet der Aufstieg zur Marienstatue von Vermus, die stellenweisen Steigungen von bis zu 30 % erreicht. Nach St Pierre folgt eine weitere kurze, aber kräftige Steigung von mehr als 25 % auf weniger als einem Kilometer. Auch der Abstieg nach Estaing ab Le Briffoul kann bei nassem Wetter schwierig werden.

Zustand des GR65: Die heutige Etappe bietet eine ausgewogene Mischung aus Wegen und asphaltierten Straßen:  

  • Asphalt : 10.8 km
  • Wanderwege : 9.2 km

Manchmal, aus logistischen Gründen oder wegen der Unterkunftsmöglichkeiten, kombinieren diese Etappen Strecken, die an verschiedenen Tagen zurückgelegt wurden, da wir diese Routen mehrmals durchlaufen haben. Daher können Himmel, Regen oder Jahreszeiten variieren. In der Regel ist dies jedoch nicht der Fall, und tatsächlich ändert es nichts an der Beschreibung der Strecke.

Es ist sehr schwierig, die Steigungen der Routen mit Sicherheit anzugeben, unabhängig davon, welches System Sie verwenden.

Für die tatsächlichen Höhenunterschiede lesen Sie bitte die Hinweise zur Kilometerangabe auf der Startseite noch einmal durch.

 

Abschnitt 1: Der GR65 erreicht wieder den Lot, bevor er erneut in die Höhen aufsteigt

Überblick über die Schwierigkeiten der Strecke: Eine leichte Strecke entlang des Lot, bevor die ersten steilen Serpentinen im Wald hinauf zur Marienstatue von Vermus beginnen. 

 

Die Strecke neigt sich sanft und schlängelt sich durch die schmalen Gassen von St Côme d’Olt. Wie ein feiner Faden gleitet sie zwischen den alten Steinhäusern hindurch, bis sie den Fluss erreicht. 

Der GR65 überquert den Lot auf einer alten Steinbrücke, einem stillen Zeugen vergangener Jahrhunderte. Das Ziel heißt nun Espalion, nur sechs Kilometer von St Côme d’Olt entfernt.

An den Ufern des Lot entfalten die Häuser ihren ganzen Charme. Sie scheinen zwischen Himmel und Wasser zu schweben, während sich der Ort oberhalb des Flusses an den Hang schmiegt. Ein kleiner Campingplatz zieht sich unauffällig am Flussufer entlang und lädt zu einer Rast ein. 

Wer sich noch einmal umdreht, überblickt den ganzen Ort in einer beinahe unwirklichen Harmonie. Sofort versteht man, weshalb St Côme d’Olt zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählt. Dieser Titel ist vollkommen gerechtfertigt.

Hinter der Brücke verlässt die Strecke die Hauptstraße und biegt nach rechts auf eine kleinere Straße ab, die sich zur offenen Landschaft hin öffnet.

Hier breiten sich weite Wiesen aus, unterbrochen von kleinen Baumgruppen, die der Landschaft einen ruhigen Rhythmus verleihen.

Der GR65 scheint sich Zeit zu lassen, wandert gemächlich dahin und nähert sich schließlich wieder dem Fluss, als würde ihn eine vertraute Gegenwart anziehen.

Nun begleitet er den Lot in stiller Verbundenheit unter dem schützenden Dach großer Bäume. Erlen, Eichen, Kastanienbäume, Eschen und Ahornbäume bilden ein dichtes grünes Gewölbe über dem Weg.

Allmählich beginnt die Straße anzusteigen und führt in den Wald hinein, zunächst in einem sanften und unaufdringlichen Anstieg.

Sie passiert einen kleinen, beinahe verborgenen Bach und erreicht wenig später eine entscheidende Weggabelung.

Hier steht der Pilger vor einer Wahl. Er kann den Höhenweg zum Puech de Vermus einschlagen, wo die Marienstatue über das Tal wacht, oder dem Lot auf einer wesentlich bequemeren Straße folgen. Die Talvariante spart fast eine Stunde Gehzeit, führt jedoch außerhalb der zum UNESCO-Welterbe gehörenden historischen Strecke. Wer dem Lot weiter folgt, erlebt einen ruhigen, beinahe meditativen Weg bis nach Espalion.

Doch eine Entscheidung ist niemals belanglos. Alles hängt vom Wetter, vom Zustand des Bodens und von der eigenen Verfassung ab. Warnschilder begegnen einem immer wieder: „Steigen Sie bei feuchtem Wetter nicht zur Marienstatue hinauf, es ist gefährlich.“ Gefährlich? Vielleicht nicht wirklich, anspruchsvoll jedoch ohne Zweifel. Man muss bereit sein, Schlamm, rutschige Steine und glatte Wurzeln in Kauf zu nehmen und sich unter Buchen, Eichen, Kastanienbäumen und Haselsträuchern hindurchzuarbeiten, dort, wo Brombeerranken den Weg streifen. Das Programm ist eindeutig: Anstiege und gelegentlich auch Abstiege im kühlen Schatten des Waldes. An manchen Stellen verläuft der Pfad hoch über dem Lot und eröffnet schwindelerregende Ausblicke. Bei trockenem Wetter ist der Aufstieg deutlich angenehmer, dennoch bleiben mehr als zweihundert Höhenmeter bis zur Marienstatue von Vermus zu bewältigen. Eine Herausforderung, aber zugleich auch ein Versprechen.

Schon nach wenigen Schritten wird deutlich, wie glücklich oder vielleicht auch mutig die Entscheidung war, die bequeme asphaltierte Straße hinter sich zu lassen. Sofort zwängt sich ein widerspenstiger und launenhafter Pfad in den steilen Hang hinein und bahnt sich seinen Weg durch einen dichten Wald, in dem Sträucher und wild wuchernde Pflanzen ein beinahe undurchdringliches Dickicht bilden. 

Sehr schnell wird klar, dass nach anhaltendem Regen kaum jemand vorankommt, ohne auf den glatt geschliffenen Steinen auszurutschen. Die Vegetation schließt sich wie eine feuchte Umarmung um das Wasser, das zwischen knorrigen Wurzeln, dichtem Gestrüpp, ausgewaschenen Felsen und Brombeerranken dahinrinnt. Die Luft ist erfüllt vom Duft des Waldbodens, von feuchter Erde und Geißblatt, während der Atem des Wanderers zunehmend schwerer wird. 

Nur selten öffnen sich kleine Lichtungen und lassen etwas Licht und Weite herein. Meist jedoch gleicht der Weg einem echten Hindernisparcours, steil, anspruchsvoll und beinahe wie eine Prüfung.

Hier versperren nicht nur die Felsen den Weg. Auch die verschlungenen und tückischen Wurzeln erschweren jeden Schritt, und häufig wirken beide gemeinsam gegen den Wanderer.

Nach einem kräftezehrenden Anstieg, auf dem klebriger Lehm, rutschige Steine und verdrehte Wurzeln jeden einzelnen Schritt auf dem schmalen Pfad erschweren, öffnet sich endlich der Wald. Eine Lichtung gibt den Blick auf die kleine Hochfläche von Plagne frei, die wie eine unerwartete Belohnung mitten am Hang liegt. 

Hinter den halb verfallenen Scheunen aus Stein fällt der Blick hinunter auf St Côme d’Olt, das sich in seiner ganzen Schönheit zeigt, beinahe wie eine Erscheinung aus einer längst vergangenen Zeit. 

Doch die Erholung dauert nur kurz. Wenig später wartet bereits ein steiler Treppenweg mit einem Gefälle von über fünfzig Prozent mitten in einem Kastanienwald. Dieser Anstieg ist hart und kennt keinerlei Nachsicht.

Damit ist die Mühe jedoch noch lange nicht vorbei. Der Weg steigt weiter durch eine fast überbordende Vegetation, die stellenweise an einen gemäßigten Dschungel erinnert. Im Wald wird es zunehmend still. Mancherorts tritt ein feines Rinnsal aus dem Boden hervor und begleitet den Wanderer mit seinem leisen Murmeln. Erst mit zunehmender Höhe wird das Gefälle endlich etwas sanfter. 

Doch jeder Aufstieg findet irgendwann sein Ende. Es kommt immer der Augenblick, an dem der Weg nicht weiter nach oben führen kann. Dann lässt er die Anstrengung hinter sich und folgt ruhig dem Höhenrücken in sanften Wellen. 

Dennoch stellt sich eine Frage. Nach einem so langen Aufstieg müsste die Marienstatue von Vermus doch längst sichtbar sein. Erinnern Sie sich jedoch daran, dass die angekündigten zweihundert Höhenmeter nur die halbe Wahrheit waren. Sie befinden sich erst ungefähr auf halber Strecke. Ringsum liegen friedliche Weiden mit grasenden Kühen, und der Pfad gleitet nun sanft zwischen den Hecken dahin.

Denn der Jakobsweg überrascht seine Pilger immer wieder und spielt gern mit ihren Erwartungen. So beginnt der Weg nun fast schelmisch wieder bergab zu führen, vorbei an einigen verstreuten Bauernhöfen in der Nähe des Weilers Combres. Hier beherrschen mächtige Eichen das Landschaftsbild.

Und als wolle er die Überraschung noch verlängern, führt ein schmaler Pfad noch weiter hinab. Fast fünfzig Höhenmeter gehen wieder verloren. Zunächst verläuft der Weg im kühlen Schatten des Waldes, bevor er sich erneut zur offenen Landschaft hin öffnet.

Abschnitt 2: Die Marienstatue von Vermus thront hoch über Espalion

 

Überblick über die Schwierigkeiten der Strecke: : Die Marienstatue von Vermus muss man sich verdienen, sowohl im Aufstieg als auch im Abstieg.

Von hier oben reicht der Blick weit über die Landschaft bis zur stolzen Silhouette der Burg Calmont, die hoch über Espalion wacht. Und dennoch ist von der Marienstatue von Vermus noch immer keine Spur zu entdecken. Hat man sie den Blicken entzogen, wie ein sorgsam gehütetes Geheimnis? 

Der breite Erdweg setzt seinen Abstieg bis zu einem einsam gelegenen Haus fort, das beinahe verloren in der Weite der Landschaft liegt. 

Anschließend übernimmt wieder ein Weg, der sich sanft über den Höhenrücken schlängelt. Am Ende dieses Kammes biegt der GR65 plötzlich rechtwinklig ab, als ändere er seine Stimmung, und nimmt entschlossen den nächsten Anstieg in Angriff.

Der Aufstieg wird nun kräftiger und zielstrebiger, bis der Weg eine Kiesgrube mit ihren hellen mineralischen Farbtönen erreicht.

Von hier aus fällt der Blick erneut auf St Côme d’Olt. Eine Marienstatue will offenbar wirklich verdient sein. In diesem Augenblick wird einem bewusst, welche Strecke bereits zurückgelegt wurde, wie viel Schweiß geflossen ist und wie viele Anstiege bereits überwunden wurden, nur um erneut von vorne zu beginnen. Doch die Mühe ist noch nicht vorbei. Die Statue befindet sich irgendwo dort oben, oberhalb des Steinbruchs. Nur noch ein wenig Geduld…

Zunächst gilt es, die Kiesgrube zu durchqueren, bevor ein steiler Weg beginnt, der mit großen grauen Basaltsteinen bedeckt ist und sich mit beinahe übertriebenem Gefälle den Hang hinaufzieht. 

Die Landschaft wirkt hier urtümlich, als wäre die Zeit in ihre frühesten Epochen zurückversetzt worden. Man könnte beinahe erwarten, zwischen den Felsen einem prähistorischen Wesen zu begegnen. Hoffentlich bleibt der Himmel über dieser kargen Landschaft freundlich. 

Endlich erscheint sie. Groß und beinahe theatralisch erhebt sich die Marienstatue über dem Basaltsteinbruch wie eine Erscheinung, auf die man lange gewartet hat.

Doch selbst jetzt ist sie noch nicht mühelos zu erreichen. Der Hang oberhalb der dunklen Geröllfelder des Steinbruchs ist unerbittlich steil. Jeder Schritt verlangt höchste Aufmerksamkeit und Ausdauer.

Schließlich steht die Marienstatue auf ihrem felsigen Vorsprung, gewaltig und unbeweglich, als trotze sie seit jeher Wind, Wetter und der Zeit selbst.

Mit einer Höhe von 2.60 Metern stammt sie aus der Hand des Bildhauers Louis Castanié, eines Sohnes des Aveyron, und wurde im Jahr 1862 errichtet. Einst entbrannte zwischen den Bewohnern von St Côme d’Olt und Espalion ein Streit aus Stolz, denn beide Orte wünschten sich den Blick der Madonna. Die Lösung war ebenso schlicht wie elegant. Ihr Gesicht wurde zum Aubrac hin ausgerichtet und blickt damit genau zwischen beide Städte.

Von diesem vulkanischen Kegel, der ihr als Sockel dient, eröffnet sich ein weites Panorama. Auf der einen Seite liegt St Côme d’Olt in seiner ganzen Schönheit, auf der anderen zieht sich Espalion mit seinen Dächern entlang des Tales.

Unterhalb in Richtung Espalion erkennt man bereits den Friedhof von Saint-Hilarian, die nächste Station auf dem Weg, zu der der Abstieg nun wieder hinunterführt. 

Sie ahnen sicherlich bereits, dass dieser Abstieg durch das dichte Gestrüpp alles andere als ein gemütlicher Spaziergang ist. Der schmale Pfad führt durch hohes Gras, über überreichlich verstreute Steine und oft mit abruptem Gefälle mitten durch einen Wald aus niedrig gewachsenen Eichen, die selbst um ihren Platz in dieser Landschaft zu kämpfen scheinen.

Ein wahres Vergnügen, natürlich. An manchen Stellen wäre eine kleine Machete durchaus hilfreich, um sich einen Weg durch das Dickicht zu bahnen. 

Weiter unten wird der Weg endlich breiter. Die Büsche und das Gestrüpp bleiben zurück, und auch das Gefälle wird allmählich freundlicher und angenehmer.

Der Weg führt nun unterhalb der Kirche von Perse vorbei, einem bedeutenden Wallfahrtsort des Mittelalters, als die Gläubigen auf der Suche nach Reliquien weite Reisen unternahmen. Die Kirche stammt aus dem 11. Jahrhundert, wurde aus rotem Sandstein erbaut und trägt einen Glockenturm mit Arkaden. Sie erhebt sich an der Stelle, an der der heilige Hilarian der Überlieferung nach von den Sarazenen enthauptet wurde. Lange Zeit war sie die Pfarrkirche von Espalion, heute dient sie nur noch als Friedhofskapelle. Der um das Jahr 760 in einem Weiler bei St Côme d’Olt geborene Hilarian wirkte einst an dieser Kirche. Der Legende nach überquerte er den Lot stehend auf seinem Mantel, der ihm als Boot diente, ein stilles und bescheidenes Wunder. Als ihn die damals im Rouergue anwesenden Sarazenen gefangen nahmen, wurde er enthauptet. Doch der Überlieferung zufolge erhob er sich wieder, nahm seinen Kopf in die Hände und trug ihn zu seiner Mutter zurück.

Vom Friedhof aus führen mehrere Wege ins Zentrum der Stadt. Am einfachsten folgt man der kleinen Straße Rue de Perse, die unterhalb der Kirche sanft bergab verläuft.

Anschließend führt die Strecke längere Zeit durch die Randbezirke zwischen bescheidenen Häusern und ruhigen Gärten. Hoch über der Stadt zieht die Burg Calmont den Blick auf sich. Sie thront auf einem Basaltfelsen und beherrscht das gesamte Tal des Lot. Diese Festung gehört zu den ältesten des Rouergue. Im Mittelalter spielte sie eine bedeutende Rolle, bis das Geschlecht ihrer Barone gegen Ende des 17. Jahrhunderts erlosch.

Nach und nach erreicht die Strecke das Zentrum von Espalion und überquert dabei den Lot. Einst war die Stadt an eine Eisenbahnlinie angeschlossen, die 1987 stillgelegt wurde. Mit rund 5.000 Einwohnern bleibt Espalion dennoch die wichtigste Stadt im Norden des Aveyron, ein Ort des Handels, der Märkte und der Begegnungen. Für den Pilger aus Le Puy ist sie die erste größere Stadt auf dem Weg und vermittelt bereits einen Hauch des Südens nach der Strenge der nördlichen Landschaften. Das bekannteste Wahrzeichen ist ohne Zweifel die alte Brücke aus rosafarbenem Sandstein mit ihren vier mittelalterlichen Bögen, die heute zum UNESCO-Welterbe gehört. Sie bildete den Ursprung der Stadtentwicklung und war über Jahrhunderte ein unverzichtbarer Übergang, an dem unter anderem Zoll auf Salz erhoben wurde. Einst war die Brücke befestigt, von vorkragenden Häusern gesäumt und durch Zugbrücken gesichert. Im 18. Jahrhundert wurde sie umgebaut, wobei ihre Türme und Verteidigungsanlagen verschwanden und einer einzigen breiten Fahrbahn wichen. Leider beeinträchtigt die moderne Brücke in unmittelbarer Nähe heute etwas ihren historischen Reiz.

Früher bestimmten die Gerbereien das Leben an den Ufern des Lot. Hier wurden Tierhäute direkt im Wasser eingeweicht, bearbeitet und gegerbt. Noch heute sind Reste der sogenannten „calquières erhalten, deren Steine bis in den Fluss reichen. Auch zahlreiche vorkragende Häuser erinnern an diese bedeutende handwerkliche Vergangenheit. 

Zu den vertrauten Wahrzeichen von Espalion gehören außerdem der Vieux Palais mit seinem pfefferbüchsenförmigen Turm sowie die Kirche Saint-Jean-Baptiste, die Ende des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil erbaut wurde und ihre beiden schlanken Türme weithin sichtbar in den Himmel erhebt.

Hinter dem Fremdenverkehrsamt verlässt die Strecke die Stadt auf Höhe der Brücke und entzieht sich unauffällig dem lebhaften Zentrum von Espalion.

Die ersten Meter sind wenig reizvoll. Zunächst muss man ein modernes Randgebiet durchqueren, dessen Neubauten dem Ort etwas von seinem ursprünglichen Charakter genommen haben. Doch schon bald öffnet sich die Landschaft erneut und macht wieder der Weite der Natur Platz.

INoch führt der Weg an Wiesen vorbei, die nach und nach von der Stadterweiterung mit neuen Häusern eingenommen wurden. Dann richtet sich der Blick wieder zu den Höhen hinauf, wo die Burg Calmont fern und geheimnisvoll auf ihrem Hügel über der Landschaft wacht.

Abschnitt 3: Hier erwartet Sie möglicherweise ein großes Abenteuer

 

Überblick über die Schwierigkeiten der Strecke: Bis St Pierre gibt es keine besonderen Schwierigkeiten. Danach folgt der Anstieg nach Le Briffoul, und von dort an wird es ernst.

Der GR65 beschreibt fast geometrische Linien mit rechtwinkligen Richtungswechseln, mal auf Asphalt, mal auf festgestampfter Erde, und schlängelt sich zwischen den Wohnhäusern hindurch. Nach und nach verschwindet die hoch über dem Hügel thronende Burg aus dem Blickfeld, die den Wanderer lange wie ein unbeweglicher Orientierungspunkt begleitet hat. Nur wenige Wanderer nehmen sich wohl die Zeit, selbst hinaufzusteigen. Etwas weiter führt ein schmaler, sehr steiniger Pfad kurzzeitig zurück in eine Landschaft, die an die Einsamkeit weiter Räume erinnert. Doch dieser Eindruck täuscht, denn die Zivilisation bleibt stets in unmittelbarer Nähe.

Der Erdweg erreicht bald wieder eine asphaltierte Straße, die von Häusern gesäumt wird. An der nächsten Kreuzung biegt die Strecke nach rechts auf eine größere Straße ab, die Espalion verlässt. 

Nun folgt ein längerer Abschnitt auf dieser schmalen Straße. Gehwege gibt es keine, und auch wenn es sich nicht um die große Departement Straße zwischen Espalion und Estaing handelt, herrscht hier dennoch regelmäßiger Verkehr, der ständig an die Nähe der motorisierten Welt erinnert.

Etwas weiter überquert die Straße eine größere Kreuzung und führt durch eine Unterführung hindurch, ein unvermeidlicher Abschnitt auf dieser inzwischen stärker urban geprägten Strecke.

Diese wenig reizvolle Passage, wenn man dieses Wort verwenden möchte, dauert bis zu einer unscheinbaren Kreuzung an, an der der Weg nach Saint-Pierre de Bessuéjouls abzweigt, einer ehemaligen Herrschaft, deren Burg heute nur noch als Ruine erhalten ist.

Hier zeigt sich die Moderne ganz unverhüllt. Werbetafeln und religiöse Symbole stehen Seite an Seite und bilden mitunter einen überraschenden Kontrast. Nach diesem langen Abschnitt auf Asphalt ist es eine echte Erleichterung, wieder einen ruhigeren Weg einzuschlagen, der den Wanderer zurück in den Wald und die offene Landschaft führt und ihm endlich wieder Raum zum Durchatmen schenkt.

Der GR65 steigt nun sanft auf der Straße in Richtung der Dorfkirche an und findet allmählich zu seinem ruhigen Rhythmus zurück.

Der rosafarbene Sandstein der Kirche Saint-Pierre verleiht dieser wunderschönen grünen Landschaft eine ganz besondere Note. Wer nicht unter Platzangst leidet, sollte den Glockenturm besteigen. Über eine schmale Treppe mit ausgetretenen Stufen gelangt man zur hochgelegenen Kapelle, wo man auf der Steinplatte zu Füßen der Statuen des heiligen Gabriel und des heiligen Michael niederknien kann.

Unweit der Kirche befinden sich sorgfältig restaurierte Gebäude des Anwesens Armagac. Früher befand sich hier ein Kloster, in dem Ordensschwestern die Ausbildung armer Mädchen übernahmen.

Ein eiserner Pilger wacht im Garten des Rathauses unter einer mächtigen Esche über den Ort. Er blickt hinüber zur Kirche, die am Fuß eines gewaltigen Mammutbaums steht.

Der GR65 erreicht wieder die Straße von Saint-Pierre und folgt dem Bach Rémenous, dessen Wasser eine rötliche Färbung annehmen und damit die Farben der umliegenden Hügel widerspiegeln.

Die Strecke folgt zunächst der Straße, bis sich ein Weg abzweigt und den Hang hinaufführt. Nun beginnt die zweite große Schwierigkeit des Tages. Und sie lohnt jede Anstrengung. Wer bereits den Aufstieg nach Escluzels oberhalb von Monistrol-d’Allier erlebt hat, wird hier eine vergleichbare Herausforderung wiedererkennen. Auf kaum achthundert Metern sind fast hundertfünfzig Höhenmeter zu überwinden. Ein kurzer, aber äußerst intensiver Anstieg.

In den ersten Kehren bleibt die Anstrengung allerdings noch gut erträglich. Ein breiter Weg steigt langsam unter dem schützenden Blätterdach des Waldes an. Kastanienbäume teilen sich hier den Raum mit Eschen, Ahornbäumen, Buchen und Eichen und bilden einen dichten und abwechslungsreichen Wald.

Schon bald erreicht der Weg einige schöne Bauernhöfe aus Stein, die wie kleine Inseln menschlicher Anwesenheit mitten in einer Lichtung liegen.

Dann beginnt der eigentliche Anstieg. Die ockerfarbene Erde nimmt stellenweise einen rötlichen Ton an, und flache Felsbänke treten unter den Füßen hervor.

Je höher man steigt, desto schmaler wird der Pfad und desto steiler wird der Hang. 

Sportliche Wanderer werden diesen Abschnitt vielleicht sogar genießen. Mit Schwung steigen sie bergauf, umgehen moosbedeckte Felsen und bewegen sich beinahe mit der Leichtigkeit von Gämsen. Viele andere dagegen werden deutlich vorsichtiger voranschreiten und vor allem hoffen, dass dieser Anstieg bald ein Ende findet.

Bei Regen verwandelt sich dieser Abschnitt in eine völlig andere Herausforderung. Der Schlamm macht jeden Schritt unsicher, lose Steine geraten unter den Füßen ins Rollen, und nicht selten muss man sich an Sträuchern festhalten, um nicht auszurutschen. Dicke, ineinander verschlungene Wurzeln versperren fast den Weg, während von Ranken umschlungene Felsen den Wanderer festhalten zu wollen scheinen. Es ist zweifellos eine anstrengende, zugleich aber unvergessliche Erfahrung. Wir selbst haben diesen Abschnitt nach einer langen Regenperiode durchquert. Der Boden war damals stark beschädigt, und wir hatten den Eindruck, dass dies vielleicht einer der schwierigsten Abschnitte des gesamten Jakobswegs war. Möge Ihnen dieser Weg unter einem freundlichen Himmel begegnen.

Doch kehren wir zu unserer Wanderung zurück. Es folgen noch einige angenehmere Abschnitte, die Gelegenheit geben, wieder zu Atem zu kommen. . 

Auf den letzten Metern wird der Anstieg schließlich sanfter. Der ockerfarbene Weg verlässt langsam den Wald und erreicht eine beinahe mediterran wirkende Buschlandschaft, in der sich einige kümmerliche Kiefern zwischen den Sträuchern behaupten. Von hier aus fällt der Blick noch einmal auf die Burg Calmont, die hoch über Espalion thront und den Wanderer wie ein letzter Orientierungspunkt vor dem weiteren Weg begleitet.

Abschnitt 4: Der Abstieg macht bei schlechtem Wetter fast ebenso viel Spaß wie der Aufstieg

 

Überblick über die Schwierigkeiten der Strecke: Nach Le Briffoul führt der Weg mit häufigen Gefällen von über 20 % auf steinigem Untergrund hinunter in Richtung Beauregard..

Der GR65 erreicht nun eine weite Hochfläche, die sich entlang der Straße ausdehnt. Für viele Pilger bedeutet die Hochebene von Le Briffoul, hoch über dem Tal des Lot gelegen, eine echte Erlösung, ein lange ersehnter Moment des Durchatmens nach den Anstrengungen des Aufstiegs.

Die Straße führt anschließend nach Le Briffoul. 

Dort erscheinen wunderschöne Bauernhöfe aus unverputztem Kalkstein, begleitet von kleinen Gärten voller stillem Charme, als wären sie sorgsam von Hand vor die Häuser gesetzt worden.

Ein gewaltiger Bauernhof beherrscht die Hochfläche, ruhig und majestätisch. Hier zeigt sich die Landschaft in ihrer ganzen Weite, großzügig, still und von ländlicher Kraft geprägt.

Am Ortsausgang von Le Briffoul verlässt ein Weg die Straße und zieht über den ockerfarbenen Boden der Hochfläche. Der Hügel breitet sich in langen, fast an Meereswellen erinnernden Linien aus, gesäumt von Wiesen und einigen Feldern. Der einsame Horizont reicht bis zum Himmel und scheint kein Ende zu kennen.

Etwas weiter endet der breite Weg am Rand der Hochfläche, dort, wo der Wald beginnt und gleichsam den Eingang zu einer anderen Welt bildet.

Denn auf jeden Aufstieg folgt unweigerlich ein Abstieg, so lautet eines der ungeschriebenen Gesetze des Jakobswegs. Ein schmaler Pfad stürzt sich nun mit beinahe schwindelerregender Entschlossenheit den Hang hinab. Dieser Abstieg steht dem vorherigen Aufstieg in nichts nach und verläuft häufig durch einen engen Durchgang.

Schon bald taucht der Pfad unter ein dichtes Blätterdach aus Ahornbäumen, Eichen und Kastanienbäumen ein, sodass das Tageslicht nur noch spärlich den Waldboden erreicht. Hier haben die Buchen die Hainbuchen abgelöst und verleihen dem Wald ihre stille, ernste Ausstrahlung. Bei trockenem Wetter bleibt die Strecke trotz des Gefälles gut begehbar. Im Regen jedoch verändert sie ihr Gesicht vollständig. Der Weg verwandelt sich in einen Bachlauf, die Steine werden tückisch, und jeder Schritt verlangt größte Vorsicht. In solchen Momenten wünscht man sich nur noch, den Wald endlich hinter sich zu lassen. Das Schloss Beauregard, tief unten sichtbar, erscheint dann wie das verheißene Ende dieser schwierigen Passage.

An manchen Stellen lässt das Gefälle kurz nach, doch meist bewegt es sich zwischen 10 % und 20 % und fordert den Wanderer ununterbrochen. Unter den großen Steinen schimmert die Erde fast schwarz. Gegen Ende des Abstiegs erkennt man zwischen den Eschen bereits die Kirche von Trédou, die sich dezent in die Landschaft einfügt.

Der Weg verlässt schließlich den Wald und tritt wieder ins Licht, unmittelbar in der Nähe des Schlosses Beauregard. Auch wenn das Gebäude heute still wirkt und vielleicht nicht mehr bewohnt ist, lebt das Gut weiterhin. Hier wird Wein angebaut, und die Weinberge gehören zur Appellation der Weine von Estaing.

In einer ländlichen Landschaft mit mächtigen Kastanienbäumen und schlanken Eschen erreicht der GR65 erneut eine Hochfläche und folgt der asphaltierten Straße bis in die Nähe der Kirche von Trédou. Das Gotteshaus überrascht sofort durch seinen Glockenturm, der sich scheinbar vom eigentlichen Kirchengebäude gelöst hat und ihm eine ungewöhnliche Silhouette verleiht. Die Kirche war bereits seit dem 16. Jahrhundert Sitz eines Priorats und wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach restauriert, zuletzt vor etwa zehn Jahren. 

Die Kirche ist verschlossen. Wer sie jedoch umrundet, spürt eine eigentümliche Atmosphäre, als wäre dieser Ort noch immer von einer stillen Gegenwart erfüllt.

Von der Kirche aus führt eine kleine Straße sanft bergab und verläuft durch die Landschaft im Schatten hoher Bäume, die schweigend über den Weg wachen. 

Schon bald geht der Asphalt in einen festgestampften Erdweg über, der intimer und ursprünglicher wirkt und den Abstieg fortsetzt. Weiter unten schlängelt er sich zwischen schönen Steinhäusern hindurch, die sich im kleinen Weiler Les Camps aneinanderreihen, einem Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. 

Plötzlich öffnet sich die Landschaft. Eine schmale asphaltierte Straße liegt gerade vor Ihnen und zieht ruhig und schnurgerade dem Horizont entgegen. Sie scheint sich bis ins Unendliche zu erstrecken, und für einen kurzen Augenblick wird alles ganz einfach. Mehr braucht es nicht zum Glück.

Abschnitt 5: Auf dem Weg in das schöne Dorf Estaing

 

Überblick über die Schwierigkeiten der Strecke: Zunächst verläuft die Strecke eben, anschließend folgen leichte Auf- und Abstiege ohne besondere Schwierigkeiten.

Vielleicht mögen Sie schnurgerade Straßen, die sich endlos durch weite Ebenen ziehen, eintönig und ohne jede Überraschung. Wer weiß? Doch der Pilger ist, ebenso wie der Soldat, das kann man nicht oft genug betonen, kein gewöhnlicher Tourist. Er kann nicht erwarten, auf Schritt und Tritt Erhabenes zu erleben. Meist wird er sich deshalb davor hüten, allzu lange zu verweilen, und lieber zügig weitergehen, um diesen langen und wenig abwechslungsreichen Abschnitt rasch hinter sich zu bringen. 

Der Strommast vor Ihnen wird dabei zu einem Orientierungspunkt, beinahe zu einem Kompass, einem stillen Zeugen der verrinnenden Zeit. Und selbst nachdem Sie ihn erreicht haben, führt die Straße unbeirrbar geradeaus weiter bis zu einer Kreuzung. 

Dort weicht der in die Jahre gekommene Asphalt schließlich einem festgestampften Erdweg. Doch eigentlich ändert sich kaum etwas. Der Weg bleibt schnurgerade, unbeirrbar und scheinbar endlos. Wer des Anblicks der Felder müde geworden ist, erfreut sich an den Weinbergen, die nun hier und dort erscheinen. Verrières besitzt nämlich eine kleine, aber fest in der Region verwurzelte Weinbauappellation.

Am Ende dieser langen Geraden erreicht der Weg wieder eine asphaltierte Straße, die nach Verrières führt und nach der Gleichförmigkeit des bisherigen Abschnitts beinahe wie ein Versprechen auf Abwechslung wirkt.

Das Dorf ist nun nur noch wenige Schritte entfernt. Es liegt unmittelbar an der Straße und scheint sich dem nahen vorbeifließenden Lot beinahe anzuvertrauen.

Verrières zeigt sich von einer ausgesprochen idyllischen Seite, als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Eindrucksvolle Häuser aus sorgfältig behauenem Kalkstein und Sandstein reihen sich unter sanft schimmernden Dächern aus Steinplatten aneinander. Alles strahlt hier Ruhe und eine stille Lebensfreude aus.

Schon bald überquert der GR65 den unscheinbaren Bach Magrane, dessen dunkles Wasser lautlos dahinfließt, bevor er die Departement Straße D100 erreicht, die dem Lauf des Lot folgt.

Die Strecke folgt dieser Straße eine Zeit lang und begleitet die wenig befahrene Fahrbahn, als müsse sie sich diesem asphaltierten Abschnitt widerwillig fügen. 

Doch der GR65 bleibt seinem freiheitsliebenden Wesen treu und meidet allzu zahme Straßen, wann immer es möglich ist. Kaum bietet sich eine Gelegenheit, verlässt er den Asphalt und findet mit sichtbarer Freude zu einem steinigen Pfad zurück, der sich über Schiefergestein zieht und erneut unter dem schützenden Blätterdach des Waldes verschwindet.

Bevor der Weg schließlich Estaing erreicht, gönnt er sich noch eine letzte Laune. Ein kleiner Anstieg führt noch einmal durch den Wald, beinahe nur um des Vergnügens willen. Ahornbäume, Buchen, Eichen und Kastanienbäume bilden hier einen dichten Wald, in den nur wenig Licht eindringt.

Der Pfad verläuft in sanften Wellen auf und ab, als könne er sich nicht entscheiden, ob er lieber steigen oder fallen möchte.

Anschließend taucht er noch einmal in eine dichte, fast undurchdringliche Vegetation ein, bevor er wieder auf die Departement Straße D100 trifft, die einer der weiten Schleifen des Lot folgt. 

Der Weg erreicht erneut die Straße entlang des Flusses und scheint sich ein weiteres Mal ihrem Verlauf beugen zu müssen. Das Tal wird hier enger und dunkler. Die steilen Hänge schließen den Blick ein und verleihen der Landschaft eine beinahe feierliche Stille.

Doch Estaing liegt nun nur noch wenige Schritte entfernt, gleich hinter der nächsten Straßenbiegung.

Estaing ist ein charaktervoller kleiner Ort mit kaum mehr als sechshundert Einwohnern. Sein Name geht auf das lateinische stagnum zurück und erinnert an einen einstigen Weiher, der längst verschwunden ist. Hoch auf einem Felssporn am Ufer des Lot gelegen, reichen die Ursprünge des Dorfes bis in die gallorömische Zeit zurück. Sein bedeutendstes Wahrzeichen bleibt jedoch ohne Zweifel das mächtige Schloss, einstiger Sitz der Grafen von Estaing.

Zu Estaing gehört ebenso die majestätische gotische Brücke, die als UNESCO-Welterbe den Lot mit zeitloser Eleganz überspannt. In ihrer Mitte erhebt sich das Estaing-Kreuz, ein kraftvolles Symbol, das beinahe den ganzen Aveyron zu verkörpern scheint. Wenige Schritte weiter wacht die Statue von François d’Estaing über den Weg der Menschen und den Lauf der Zeit.

Die Familie Estaing gehört zu den bedeutendsten Adelsgeschlechtern des Rouergue und brachte zahlreiche herausragende Persönlichkeiten hervor, darunter Kardinäle, Bischöfe, Admiräle und schließlich sogar einen Präsidenten der Französischen Republik. Die ersten Mauern des Schlosses wurden bereits im 11. Jahrhundert errichtet, bevor das Bauwerk im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert und umgestaltet wurde. Während der Französischen Revolution wurde es verstaatlicht und später den Schwestern des Ordens Saint-Joseph übergeben, die dort ihr Mutterhaus einrichteten. Im Jahr 2000 ging das Schloss in den Besitz der Gemeinde über und wurde 2005 von der Stiftung Valéry Giscard d’Estaing erworben. Die Einwohner erzählen gern, dass der ehemalige Präsident gelegentlich im Dorf sein Brot kaufte und die Bäckerin stets höflich mit den Worten „Bonjour, Madame“ begrüßte. Seine Besuche waren zwar selten, denn Estaing liegt abseits der großen Verkehrswege. Doch zum Fest des heiligen Fleuret fehlte er kaum jemals. Gemeinsam mit seiner Ehefrau öffnete er dann gern die Tore des Schlosses für die Besucher.

Für die meisten Besucher konzentriert sich Estaing auf das Schloss und die Hauptstraße mit ihren Hotels, Cafés und Geschäften. Die Übernachtungsmöglichkeiten sind zahlreich, und viele Pilger entscheiden sich gerade hier für ihre Tagesetappe, angezogen vom Charme des Ortes ebenso wie von der Aussicht auf eine erholsame Nacht.

Zu den bemerkenswerten Bauwerken gehört ein elegantes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, das heute die renovierte Touristeninformation beherbergt. Sie befindet sich in einem eindrucksvollen Gewölbekeller. Unweit davon steht die Kapelle Ouradou, ebenfalls ein Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert und als historisches Denkmal geschützt. Mit ihrer schlichten Schönheit beeindruckt sie jeden Besucher. Errichtet aus den typischen Materialien der Region, Schiefer für die Mauern und Steinplatten für das Dach, verkörpert diese gotische Kapelle mit ihrem Glockengiebel eine schlichte und zugleich authentische Schönheit.

Schließlich erhebt sich etwas oberhalb des Dorfes die Pfarrkirche Saint Fleuret. Sie wurde im 15. Jahrhundert über einer älteren Krypta errichtet und erst vor wenigen Jahren sorgfältig restauriert. Von hier aus wacht sie über das Labyrinth mittelalterlicher Gassen, in denen der Schiefer mit seiner dunklen Farbe und seiner schlichten Eleganz das Ortsbild überall prägt.

Unterkünfte auf der Via Podiensis

      • Gîte Au Fil de l’Eau, Eric et Sophie (pèlerins), 5 Rue St Joseph, Espalion; 06 77 58 53 08; Gîte, Abendessen, Frühstück
      • Gîte du Pont Vieux, Yves Garcia, 7 Rue Arthur Canel, Espalion; 06 47 75 81 19/05 65 44 90 81; Gîte, Abendessen, Frühstück
      • Accueil chrétien La Halte St Jacques, 8 Rue du Dr Trémolières, Espalion; 06 28 30 38 30; Gîte, Abendessen, Frühstück
      • Chambres d’hôtes Au Jardin des Sens, Mireille et Claude (pèlerins), 15 Av- St Pierre, Espalion; 06 85 42 93 75/06 74 32 31 82; Pension, Abendessen, Frühstück
      • Chambres d’hôtes La Maison du Pèlerin, 3 Rue des Bouquiès, Espalion; 05 65 44 26 77/06 51 86 75 30; Pension, Frühstück
      • Chambres d’hôte Morin, 14 Avenue de St Côme, Espalion; 05 65 51 48 57; Pension, Abendessen, Frühstück
      • Hôtel de France**, 36 Boulevard Joseph Poulenc, Espalion; 05 65 44 06 13; Hotel, Abendessen, Frühstück
      • Chambres d’hôtes Alain Picard, Verrières de Sébrazac, Verrières; 06 87 01 82 40; Pension, Frühstück
      • Camping La Cavalerie, Céline Riot, Estaing; 06 95 63 37 17; tipis et chalets, Abendessen, Frühstück, Küche
      • Gîte communal, 19 Lotissement de l’Escalière, Estaing; 06 44 95 52 14; Gîte, Küche
      • Gîte St Christophe, Rémi et Marie (pèlerins), 5 Rue St Fleuret, Estaing; 06 27 82 40 14; Gîte, Abendessen, Frühstück
      • Gîte Chez Aurélie, 3 Rue du Collège, Estaing; 06 95 82 15 95; Gîte, Abendessen, Frühstück
      • Gîte L’Oustal del Camin, Marine et Alexandre, 31 Rue François d’Estang, Estaing; 07 67 29 15 07; Gîte, Abendessen, Frühstück, Küche
      • Gîte-Chambre d’hôtes Les Pieds dans l’Olt, Annaelle (pèlerine), 1 rue d’Espalion, Estaing; 07 87 96 68 75; Gîte und Pension, Abendessen, Frühstück
      • Chambre d’hôtes Chez Jeannot, Jean Dijols, Le Pont d’Estaing, Estaing; 05 65 44 71 51/06 70 38 42 81; Pension, Frühstück
      • Chambres d’hôtes Lou Bellut, Monique Simon, 5 Rue François d’Estaing, Estaing; 06 80 66 77 79; Pension, Frühstück
      • Auberge de St Fleuret**, 19 Rue François d’Estaing, Estaing; 05 65 44 01 44; Hotel, Abendessen, Frühstück
      • Aux Armes d’Estaing**, 1 Quai du Lot, Estaing; 05 65 44 70 02; Hotel, Abendessen, Frühstück

       

      Jahr für Jahr verändert sich der Jakobsweg und erfindet sich mit den Jahreszeiten und den Schritten der Pilger immer wieder neu. Manche Unterkünfte schließen ihre Türen, während andere, bescheiden oder unerwartet, neu entstehen. Es wäre daher unrealistisch, den Anspruch auf eine vollständige und unveränderliche Liste zu erheben. Dieses Verzeichnis umfasst ausschließlich Unterkünfte, die sich direkt an der Strecke oder höchstens einen Kilometer davon entfernt befinden. Die Auswahl wurde 2026 aktualisiert und dürfte sich in den kommenden Jahren nur geringfügig verändern. Wer umfassendere Informationen sucht, kommt an einem Werk nicht vorbei: Miam Miam Dodo, das problemlos online erhältlich ist. Seine größte Stärke liegt in der jährlichen Aktualisierung. Es verzeichnet nicht nur Unterkünfte unmittelbar an der Strecke, sondern auch Häuser, die etwas abseits liegen. Gerade bei starkem Pilgeraufkommen kann dies von großem Wert sein, wenn die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit schwieriger wird. Darüber hinaus bietet das Werk zahlreiche praktische Hinweise, von einladenden Cafés und Restaurants bis hin zu Bäckereien, die unterwegs eine willkommene Rast ermöglichen. Neben diesen klassischen Informationsquellen ist heute auch Airbnb nicht mehr wegzudenken. Die Plattform hat sich selbst in abgelegenen und dünn besiedelten Regionen zu einer wichtigen Adresse für Reisende entwickelt. Da die genauen Standorte der Unterkünfte jedoch nicht unmittelbar angezeigt werden, ist eine gewisse Vorausplanung erforderlich. Auf dem Jakobsweg hängt die Suche nach einem freien Bett in letzter Minute manchmal vom Zufall ab. Doch auf den Zufall sollte man sich nicht verlassen. Eine rechtzeitige Reservierung ist deshalb dringend zu empfehlen. Erkundigen Sie sich bei der Buchung außerdem, ob Abendessen und Frühstück angeboten werden. Diese scheinbar kleinen Details können die Mühen einer Tagesetappe erheblich erleichtern.

      Wenn man die Übernachtungskapazitäten betrachtet, stehen vor Estaing, insbesondere in und um Espalion, rund 100 Betten zur Verfügung. Dies lässt darauf schließen, dass viele Pilger ihre Tagesetappe bereits vor dem eigentlichen Etappenziel beenden. In Estaing selbst erweitert sich das Angebot auf nahezu 170 Betten. Da auf der Via Podiensis während der Saison in der Regel zwischen 100 und 200 Pilger unterwegs sind, dürfte diese Etappe hinsichtlich der Unterkunftsmöglichkeiten keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Dennoch empfiehlt es sich, vorsorglich im Voraus zu reservieren.

      Diese Strecken führen durch oftmals dünn besiedelte Gegenden und bieten nur wenige Versorgungsmöglichkeiten. Restaurants sind selten, ebenso Lebensmittelgeschäfte, die häufig lediglich kleine Brotausgabestellen mit einer bescheidenen Auswahl an Gemüse und Milchprodukten sind. Die beiden größeren Orte Espalion und Estaing bieten jedoch sämtliche Einrichtungen einer Kleinstadt mit allen wichtigen Geschäften und Dienstleistungen. Entlang der Strecke gibt es außerdem zwei Wasserstellen mit öffentlichen Toiletten, eine in Bessuéjouls und eine weitere an der Kirche von Trédou. Schließlich bieten zahlreiche Unternehmen einen Gepäcktransport oder einen Rücktransfer zum Ausgangspunkt an. Unter ihnen gilt La Malle Postale als eine der bekanntesten Referenzen für Pilger auf den Jakobswegen.

      Zögern Sie nicht, Kommentare hinzuzufügen. Oft ist dies der Weg, um in der Google-Hierarchie aufzusteigen, sodass mehr Pilger Zugang zur Website erhalten.
      Nächste Etappe : Etappe 11: Von Estaing nach Golinhac
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